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Schau' mal genau hin!

Wenn du deine Elternbrille mal gegen die Brille deines Kindes tauscht, kannst du eine ganz neue Sicht auf eure Lernbeziehung gewinnen und spannende Erkenntnisse daraus ziehen.


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Foto: Ruby Schmank/unsplash

Kurze Frage vorab: Bist du Brillenträger/-in? Dann kennst du sicherlich den Moment, in dem du festgestellt hast, dass sich deine Sehstärke irgendwie verändert hat. Je nachdem, wie du dich in deiner Wahrnehmung beeinträchtigt fühlst, realisierst du, dass deine Sicht auf die Umgebung nicht mehr so ist, wie zuvor. Und versuchst erst mal, herauszufinden, was da anders ist als vorher. Ob das Fern- oder Nahsehen beeinträchtigt ist und welches Auge.

Oder - falls du zu den Glücklichen gehörst, die keine Sehhilfe brauchen, hast du vielleicht dennoch schon mal ausprobiert, wie es ist, durch eine Brille zu gucken. Vielleicht auch durch eine Brille mit bunten Gläsern. Fakt ist: egal, welche Brille du dir aufsetzt - deine Wahrnehmung verändert sich.


Wir alle schauen durch Filter

Aber auch wenn du volle Sehkraft hast - wir alle sehen die Welt durch Filter, auch wenn du sie nicht bewusst wahrnehmen kannst. So gibt es zum Beispiel einen Verallgemeinerungsfilter. Den benutzen wir unbewusst immer dann, wenn wir von "man" sprechen. "Das macht man nicht", "das kann man so nicht sagen",... Aber wer ist "man" und woher kommt deine Annahme?

Wenn ich dich jetzt frage, welche Farbe eine reife Banane hat, wirst du zu 99% mit "Gelb" antworten. Von klein auf hast du gelernt, dass Bananen gelb sind. Aber wer sagt dir, dass das stimmt? Vielleicht siehst du das, was für dich die Farbe Gelb ausmacht, ganz anders als andere Menschen? Bestimmt hast du mit jemandem schon mal eine Diskussion über eine Farbe geführt. Manche sind nicht eindeutig. Für die einen ist ein bestimmter Farbwert noch Gelb für andere auf jeden Fall schon Orange, für manche geht es vielleicht eher Richtung Grün.

Deine ganz eigene Summe aus Erfahrungen prägen deine Filter, aber das heißt ja noch lange nicht, dass Dinge immer so sein müssen und erst recht nicht, dass alle Menschen es genauso sehen wie du.


Das heißt, wenn du beim Thema Lernen durch deine Elternbrille schaust - mit deinem ganz eigenen Filter aus Erfahrungen, die du in deinem Leben bisher gemacht hast - dann ist dein Blick einfach verzerrt. Das muss nicht immer negativ sein, aber wenn du dein Kind beim Lernen begleitest, spielt automatisch mit rein, wie du früher deine Schulzeit und das Lernen empfunden hast. War für dich früher die Schule ein stetiger Kampf, anstrengend und absolut kein Wohlfühlort, spiegelt sich dies in deinem Kind wider, weil diese unschöne Erfahrung in deiner Lernbegleitung unbewusst immer mitschwingt. Umgekehrt natürlich auch: hattest du selbst eine tolle Schulzeit und dir ist das Lernen immer leicht gefallen, fällt es dir vermutlich doppelt schwer zu erkennen (durch deine Elternbrille) und zu akzeptieren, dass es für dein Kind vielleicht eben nicht so ist.


Passt dein Kind ins System?

Was bedeutet das eigentlich? Wenn wir Eltern mit der Lernsituation unzufrieden sind, suchen wir nach Gründen - meistens im Außen. Da kommen viele kleine Puzzleteile zusammen, aus denen sich unsere Vorstellung von einer perfekten Schulzeit formt. Wir wollen, das es "einfach läuft". Dass unser Kind gern in die Schule geht, jeden Tag motiviert ist, freiwillig Hausaufgaben macht und leicht lernt, mit allen Lehrkräften, Mitschülern und Schulfächern bestens klar kommt und wir selbst mit dem Thema Schule keine zusätzliche Arbeit haben. Je angepasster sich dein Kind in das System einfügt, desto besser. Nur nicht anecken, nur keine Probleme machen. Aber wie sieht denn deine perfekte Schulzeit aus? Und deckt sich das mit der Vorstellung deines Kindes von einer perfekten Schulzeit? Vielleicht hat dein Kind auch Herausforderungen, die erst auf den dritten Blick sichtbar werden. Da musst du aber schon sehr genau hinsehen.


Mach' dir dein eigenes Bild

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Foto: Kerstin Bertsch

Egal ob im Lernkontext oder in anderen Lebensbereichen: wir sollten uns unser eigenes Bild machen. Die Realität sieht oft anders aus - unser Blick ist getrübt. Ein Beispiel: Es geht um den Übertritt an eine weiterführende Schule und du stehst nach einem Elternabend noch mit anderen Eltern zusammen und diskutierst die verschiedenen Optionen. Haben viele Eltern von Schule X schon viel Positives gehört und schwärmen davon, wird diese Schule dein Interesse wecken und bei dir ein positives Gefühl auslösen. In dir wird der Wunsch laut, sich diese Schule näher anzusehen.

Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch: Wenn du (wie ich ;-)) Latein früher nicht mochtest, wirst du intuitiv vermeiden, dass sich dein Kind eine Schule ansieht, in der Latein als erste Fremdsprache gelehrt wird. Weil du automatisch davon ausgehst, dass dein Kind sich in Latein genauso schwer tun wird, wie du selbst.


Ich hatte im Coaching mal eine Familie, in der die Eltern regelrecht Panik vor den Anforderungen der weiterführenden Schule hatten. Demnach haben sie ihrer Tochter, die wohlgemerkt in der Grundschule eine Top-Schülerin war mit besten Noten, sehr selbstständig und organisiert, den Sprung ans Gymnasium nicht zugetraut. Was dann passiert ist, war fatal. Die Eltern haben es nur gut gemeint, aber ihrem Kind ab dem Beginn der 5. Klasse ihre Hilfe quasi aufgedrängt. Das Vertrauen in das Können des Mädchens war dahin und so kam es, dass das Kind nach und nach selbst das Vertrauen in ihr eigenes Tun verloren hat.


Mit der Kinderbrille siehst du besser

Wahrnehmung, Brille, klar sehen
Foto: Kerstin Bertsch

Als ich der Familie klar gemacht hatte, dass sie ihr Kind "überbetreut" haben, kullerten bei den Eltern die Tränen. Aus diesem Blickwinkel haben sie das noch nie gesehen. Sie hatten die ganze Zeit verzweifelt nach neuen Strategien gesucht, wie sie ihr Kind wieder zum selbstständigen Lernen bringen und notenmäßig an die Leistungen in der Grundschule anknüpfen können. Die Schuld wurde beim Kind gesucht. Dass sie selbst der Auslöser für die aktuelle Situation waren, hatten sie bis zu dem Zeitpunkt einfach nicht gesehen.


Daher mein Appell an dich: Bevor du urteilst, mach' dir erst mal dein eigenes Bild von der (Lern-) Situation. Und schau' unbedingt auch mal durch die Kinderbrille. Wenn du die Welt mit anderen Augen siehst, wird so manches klarer. Dann wirst du auch das Verhalten deines Kindes besser verstehen lernen. Dein Kind verbringt einen Großteil seiner Zeit in der Schule. Du dagegen sitzt nicht live mit dabei im Klassenzimmer und kennst den Schulalltag deines Kindes nur aus der Erzählung, manchmal noch aus der Sicht der Lehrkräfte. Aber - und da nehme ich mich nicht aus - wir versuchen, von außen darüber zu urteilen, wie der Unterricht so läuft, ob unser Kind gerecht behandelt wird usw. Das ist nur bedingt möglich, oder?


Vielleicht streitet ihr beim Lernen zuhause in manchen Situationen nur, weil eure Sicht auf die Dinge in dem Moment total unterschiedlich ist und ihr einfach aneinander vorbei redet. Da fallen dann auch bei uns zuhause ab und an so Sätze wie: "Du verstehst mich einfach nicht". Okay - Kommando zurück, Kinderbrille aufsetzen und die Situation nochmal neu bewerten.

Probier' das mal aus, es wird dir spannende Erkenntnisse liefern.



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